20. Juni 2019

TIERE

KOLUMNE von Dr. Peter Kollmann

Verwaiste Tierfindlinge?!


Dr. Peter Kollmann, Gaspoltshofen, www.tierarzt-kollmann.at, Tel. 07735/6943

Jedes Jahr zu dieser Zeit bekommen wir Tierärzte gehäuft Anfragen, wie mit verwaisten Tierfindlingen umzugehen ist. Grundsätzlich ist ja der erste Weg zum Tierarzt lobenswert. Aber, ist es richtig, jeden Findling aus der Natur mit nach Haus zu nehmen, ihn seiner natürlichen Umgebung zu berauben? Und ist sich der Mensch bewusst, was das, wenn das Jungtier überlebt, für seine spätere Entwicklung, Haltung… bedeutet?
Viele meinen, mit der künstlichen Aufzucht eines vermeintlich verwaisten Jungtieres/Wildtieres der Natur einen großen Dienst zu erweisen, wenn sie sich mit Hilfe von Dr. Google Informationen holen, da sie selber keine Erfahrung über Aufzucht und Haltung von Jungtieren besitzen.
Leider ist dieser gut gemeinte Denkansatz grundsätzlich falsch. Warum? Der überwiegende Teil der gefundenen Jung- und Wildtiere benötigt keine menschliche Hilfe, ist auch nicht verwaist, sondern in seiner natürlichen Umgebung einfach besser aufgehoben. Selbst die künstliche Aufzucht durch spezialisierte Menschenhand ist nie der natürlichen gleichzusetzen. Es spielen viele Faktoren bei der Jungtierentwicklung eine Rolle, die wir Menschen einfach nicht erbringen können. Ein Jungtier, das in seiner Entwicklung in der freien Natur ständig von seinen Eltern lernt zu überleben, kann durch mangelhafte Ernährung, falsche Unterbringung… derart fehlgeprägt und verhaltensgestört sein, dass es seine spätere Auswilderung nicht überleben würde.
Mit dem vermeintlichen Fund und dem Mitnehmen eines Tires übernimmt man wirklich eine große Verantwortung. Daher vorher alles überlegen und nicht unbedacht berühren und einpacken: Besitze ich die nötigen fachlichen Kenntnisse über Unterbringung, Ernährung, Aufzucht, Auswilderung, besitze ich den nötigen persönlichen Abstand zum Tier selbst, habe ich wirklich auch die Zeit?
Bedenken Sie auch, dass allein der körperliche Kontakt und die damit verbundene Angst (Stress) des Wildtieres die Ursache für ein schnelles Herz-Kreislaufversagen und damit für den plötzlichen Herztod verantwortlich sein könnte.
Daher mein Rat: Belassen Sie die Wildtiere dort, wo sie aufgefunden wurden. Halten Sie Abstand von den Jungtieren, um Muttertiere in der Nähe nicht zu verängstigen. Greifen Sie diese nicht mit der nackten Hand an.
Überlegen Sie genau, was es für Pro und Kontra gibt, das Wildtier anzugreifen, es aus seiner natürlichen Umgebung zu entfernen und letztendlich welche Verpflichtung Sie damit eingehen werden. Es ist oft besser für das Tier, es seinem natürlichen Gang zu überlassen und es nicht unwissend einer sowieso tödlichen Zukunft zuzuführen.
Außerdem fallen viele Tierarten heute unter Jagd- und Naturschutzgesetz, die den Erwerb, die Haltung… streng reglementieren. Sie können sich bei allem guten Willen rechtlich leicht strafbar machen.